OnePlus 2: Das Warten hat sich nicht gelohnt

Ein Invite, ein Invite! Irgendwo an Position 170.000 hatte ich mich dem Hype um das One Plus 2 hingegeben und in die virtuelle Warteschlange eingereiht

Ein Invite, ein Invite! Irgendwo an Position 170.000 hatte ich mich dem Hype um das One Plus 2 hingegeben und in die virtuelle Warteschlange eingereiht

OnePlus aus China hat vor gut einem Jahr mit dem OnePlus One einen kleinen Hype um ein Smartphone ausgelöst, wie das sonst nur Apple schafft. Gute Technik, fairer Preis, aggressives Marketing und künstliche Verknappung durch ein Inivite-System bescherten OnePlus über Nacht Aufmerksamkeit und Zulauf. Doch einmal ist keinmal, schon beim Folgemodell OnePlus 2 scheint nicht nur der Hype zu schwächeln – auch das Gerät sollte man sich nach dem Auspacken genau anschauen. Lohnt sich das Warten auf einen Invite?

Ich möchte hier von meinen Erfahrungen mit dem OnePlus 2 berichten, wobei nicht die Technik im Vordergrund steht, sondern mein Eindruck vom Gesamtpaket aus Gerät, Marketing und Bestellabwicklung.

Als das OnePlus 2 vorgestellt wurde, war ich gerade auf der Suche nach einem neuen Smartphone, ohne dass es auf ein paar Tage ankam. Specs, Bilder und Preis sahen für mich gut aus. Also reihte ich mich auf gut Glück irgendwo bei Position 170.000 in die Warteliste auf einen Invite ein, ohne den man das OnePlus 2 ja nicht kaufen kann.

Um es vorwegzunehmen: Das Warten hat sich nicht gelohnt. Am Ende war ich vom Gesamtpaket so genervt, dass ich mein OnePlus 2 verkauft und durch ein S 6 ersetzt habe, das in einer Aktion des Media Markts zu diesem Zeitpunkt gerade mal 50 Euro mehr kostete.

OnePlus 2 | Foto: OnePlus

OnePlus 2 | Foto: OnePlus

Das OnePlus 2 – gutes Telefon mit Homebutton-Macke

Technik-Fans hat das OnePlus viel zu bieten: großer 1.080p-Bildschirm, kapazitive Tasten, Dual-SIM, massenhaft Speicher und Arbeitsspeicher, schneller Prozessor, USB Typ C, Fingerabdruckscanner usw. Auf NFC und kabelloses Laden muss man hingegen verzichten.

Das 2 läuft mit dem hauseigenen OxygenOS, einer leicht angepassten Version von Android. Damit kann der Nutzer bspw. Apps Rechten zuweisen und entziehen, was im Stock-Android von Google erst ab Version 6 funktioniert. Allerdings gilt dieses Rechtemanagement nicht für die vorinstallierten Apps, von denen es zum Glück nicht viele gibt. Denn OxygenOS bringt nur ein Minimum an Pflicht-Apps von Google mit.

In der Kombination von minimal angepasstem Oxygen-Android und Direktvertrieb hat OnePlus theoretisch die Chance, zeitnah (und hoffentlich auch auf Dauer) Updates zur Verfügung zu stellen. Das könnte für viele Nutzer ein starkes Kaufargument sein.

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Weniger ist mehr. Das Oxygen Os kommt mit einem Minimum an vorinstallierten Apps

Hardware und Software des OnePlus 2 spielen fast perfekt zusammen, aber eben nur fast. Der 5,5 Zoll-Bildschirm ist knackig scharf und sehr hell, die Verarbeitung super, außer … einem echt häßlichen Problem mit dem Home-Button. Seit dem Verkaufsstart kursieren Berichte darüber, dass dieser in bestimmten Situationen nicht oder nur langsam reagiert. Das war bei meinem Gerät auch der Fall, das Video zeigt das Problem. Eine Lösung scheint es noch nicht zu geben – was dem oben eingeführten Argument schneller Updates und Fehlerbehebung leider widerspricht. Ich weiß.

Vielleicht bin ich ja zu anspruchsvoll, aber 400 Euro sind immer noch 800 Mark und dafür hätte ich gern ein Gerät, das nicht nur mit einem Cover und/oder mit einer bestimmten Position meiner Hände richtig funktioniert.

Womit ich auch bei bestem Willen nicht warm wurde, ist die Gestaltung der Oxygen-Oberfläche. Alles ist in weichen Pastelltönen gehalten. Auf mich wirkte das immer etwas matschig – während die Farbwiedergabe des Screens im Kamera-Modus völlig okay war. Auch der Wechsel auf den Nova-Launcher war keine wirkliche Hilfe. Aber das ist natürlich Geschmackssache.

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Das OxygenOS ist in Pastelltönen coloriert

Der Bestellvorgang – jetzt aber schnell!

Ende September erhielt ich einen Invite, was zunächst für etwas Hektik sorgte: Ab wann läuft denn nun die 24-Stunden-Frist für die Bestellung? Ab Maileingang? Allgemein hieß es ja, man müsse den Invite innerhalb von 24 Stunden einlösen (inzwischen wurde diese Frist auf drei Tage verlängert). OnePlus baut hier geschickt Druck auf, sich zu beeilen.

This invite is valid for 24 hours. To use it, register or sign in with your OnePlus Account.

Am Ende fühlt man sich fast geehrt, 400 Euro überweisen zu dürfen, was wohl auch der Sinn des Ganzen sein dürfte. Die von OnePlus angeführten Argumente für das Invite-System (bspw. kostensenkende Mengensteuerung) sind zweifellos richtig. Doch wie die Produktionsplanung davon abhängen soll, dass der Kunde sofort zuschlagen muss, ist mir nicht ganz klar. OnePlus offenbar auch nicht, die Frist wurde inzwischen auf 72 Stunden verlängert.

Ein Invite, ein Invite! Irgendwo an Position 170.000 hatte ich mich dem Hype um das One Plus 2 hingegeben und in die virtuelle Warteschlange eingereiht

Ein Invite, ein Invite! Irgendwo an Position 170.000 hatte ich mich dem Hype um das One Plus 2 hingegeben und in die virtuelle Warteschlange eingereiht

Die ganz große Eile erwies sich schließlich als unnötig. Tatsächlich musste ich den Invite innerhalb von 24 Stunden mit einem Konto bei OnePlus aktivieren, danach hatte ich weitere 24 Stunden Zeit für die Bestellung. Das wird dem Kunden auch überaus deutlich gemacht. Nach der Aktivierung im Webshop läuft eine Uhr rückwärts. Auch wenn es letztendlich nur ein Produkt + Zubehör zu kaufen gibt – entspanntes Shoppen sieht anders aus.

Apropos Zubehör. Die Auswahl ist nicht groß, sollte aber fast alle Bedürfnisse abdecken. Leider ist das Zubehör-Angebot nicht nach Geräten getrennt. Wer das nicht weiß und nicht genau hinschaut, wird womöglich Zubehör für das falsche Gerät in den Warenkorb packen.

Im Chrome-Browser gab es übrigens ein Problem mit dem Bestellvorgang. Dort konnte ich nach Aktivierung des Invites zwar den Warenkorb befüllen, die Bestellung dann aber nicht auslösen. Also schrieb ich dem OnePlus-Support mit der Bitte um Beratung, die Antwort kam … eine Woche (!) später. Für ein Unternehmen, das seinen Kunden 24 Stunden für den Bestellvorgang einräumt, ist das reichlich spät. Mit dem Internet Explorer lief die Bestellung ohne Probleme.

Danach ging alles flott. Mittels DHL-Tracking konnte ich dem Gerät auf seiner Reise von London (OnePlus liefert aus einem europäischen Lager aus) beinahe im Stundentakt zusehen, Respekt!

Entscheidet man sich zum Kauf, lohnt sich vorher auch ein Blick in die Geschäftsbedingungen. 399 Euro (+ 20 Euro für den Versand) ist zwar ein fairer Preis, aber man will ja auch wissen, worauf man sich einlässt, wenn etwas schief geht, bspw. weil das Gerät einen Mangel hat oder weil es einfach nicht den persönlichen Erwartungen entspricht.

Dass OnePlus für eine Rückgabe wegen Nichtgefallens Kosten für den Versand geltend macht, ist okay. Fragwürdig finde ich die Formulierungen hinsichtlich der Garantie. Für deren Inanspruchnahme soll der Käufer nämlich nachweisen, dass das Gerät zum Zeitpunkt der Lieferung bereits defekt war.

“ Auf alle OnePlus Telefone, die auf oneplus.net gekauft wurden, erhalten Sie in Übereinstimmung mit EU Verbraucherschutzgesetzen eine auf zwei Jahre begrenzte Garantie, die ab dem Zustelldatum gilt. Um diese Garantie in Anspruch zu nehmen, legen Sie bitte den Verkaufsbeleg im Original (Rechnung) und einen Beleg (am besten ein Beweisfoto), dass das Produkt schon bei Lieferung defekt war … (https://oneplus.net/de/privacy-and-legal, 6.11.2015)

Diesen Beweis muss der Käufer per Gesetz aber gar nicht antreten (abgesehen davon, dass hier gesetzliche Garantie und Gewährleistung vermischt werden). Europäisches Recht regelt, dass die Beweislast für die Mängelfreiheit innerhalb der ersten sechs Monate beim Unternehmen liegt. Der Käufer muss innerhalb dieser Zeit zwar den Mangel, nicht aber dessen Ursachen nachweisen, wobei sichtbare Produktionsmängel und Transportschäden sofort anzuzeigen sind.

Wer übrigens sicher sein will, ein EU-Gerät zu bekommen, das europäisches LTE unterstützt, der sollte direkt im OnePlus-Store kaufen oder zumindest darauf achten, dass das Gerät OxygenOs als Betriebssystem verwendet. Die China-Version mit HydrogenOS bietet in Deutschland keine Dual-SIM-Funktion, LTE wird nur eingeschränkt unterstützt. Sie wird nicht über den OnePlus-Store verkauft. Mehr dazu bei OnePlus: https://forums.oneplus.net/threads/oneplus-2-regional-versions-explained.338780/ (englisch).

Das OnePlus-Marketing – Klappern gehört zum Handwerk?

OnePlus hat im April 2014 mit der Vorstellung des OnePlus One einen steilen Start hingelegt. Oberklasse-Technik zum Preis der Mittelklasse, ein aggressives Marketing und künstliche Verknappung durch ein Invite-System sicherten der Firma über Nacht Aufmerksamkeit und Zulauf.

Der Gesamtauftritt des Unternehmens dürfte dennoch nicht jedermanns Geschmack sein. Die dröhnenden Superlative in der Werbung („Flagship-Killer 2016“, im Sommer 2015 vorgestellt!) fangen irgendwann an zu nerven. OnePlus hat damit schon heftige Eigentore geschossen, man denke nur an die „Ladies first“-Kampagne, die heftige Sexismus-Vorwürfe auslöste.

Dass man für ungewisse Zeit auf einen Invite wartet, wird ebenso kritisiert wie die Tatsache, dass OnePlus auf seiner Website mit einem Einstiegspreis für das OnePlus 2 von 329 US-Doller wirbt, obwohl die entsprechende Version (mit 16 statt 64 GB Speicher und 3 statt 4 GB Arbeitsspeicher) gar nicht verfügbar ist. Wenn es aber ein Gerät zu diesem Preis nur auf dem Papier gibt, sollte man dann damit werben? So richtig erwachsen wirkt das alles noch nicht.

Klappern gehört zum Handwerk. Aber nicht alles, was klappert, ist auch sympathisch.

OnePlus wirbt mit einem Startpreis von 329 Dollar für das OnePlus 2. Tatsächlich verfügbar (sofern man einen Invite hat) ist aber nur die besser ausgestattete Version für 399 Dollar | Screenshot: Onneplus.net, 6.11.2015

OnePlus wirbt mit einem Startpreis von 329 Dollar für das OnePlus 2. Tatsächlich verfügbar (sofern man einen Invite hat) ist aber nur die besser ausgestattete Version für 399 Dollar | Screenshot: Onneplus.net, 6.11.2015

Dass sich der Hype um das OnePlus 2 abzukühlen scheint, kann man ganz gut auf ebay erkennen. Anfangs wurden dort Geräte zu Phantasiepreisen angeboten und auch verkauft. Inzwischen gibt es zahlreiche Angebote an Neugeräten zum regulären Preis, ohne sofort einen Käufer zu finden. Auch die Verlängerung der Gültigkeit der Invites von 24 auf 72 Stunden könnte ein Hinweis auf nachlassendes Interesse seitens der Konsumenten sein.

Mein Fazit

OnePlus hat mit dem OnePlus 2 viel versprochen und fast alles gehalten. Es gehört zu den wenigen Androiden, die noch kapazitive Tasten anbieten (der Homebutton zählt dazu, anders als bei Samsung hat er keine mechanische Tastenfunktion) und somit den gesamten Screen für die Anzeige der Inhalte freihalten. Die Ausstattung ist gut, nur die (nun offenbar schon längere Zeit nicht behobene) Funktionsstörung des Homebuttons hinterlässt einen schlechten Eindruck. Wenn dieses Problem gefixt wird, bietet das OnePlus ein tolles Preis-Leistungs-Verhältnis. Das bieten inzwischen aber auch andere chinesische Hersteller, die sich zunehmend auf den europäischen Markt wagen.

Ein potentieller Pluspunkt für OnePlus ist die Software, sofern man sich für ihr Designkonzept erwärmen kann. Wenn nicht, stehen einige alternative Skins zum Download bereit. Wem auch die nicht gefallen, der kann mit CyanogenMod ein alternatives ROM aufspielen.

Den schlechtesten Eindruck machte auf mich das Marketing-Gedröhne von OnePlus, das letzten Endes auch den Ausschlag gegen das OnePlus 2 gab.

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